Blog: Honigtau - Entstehung, Bedeutung und Rolle im Ökosystem (7994)
Honigtau gehört zu den faszinierendsten Naturerscheinungen, die vielen Menschen zwar bekannt sind, deren Ursprung jedoch oft missverstanden wird. Wer schon einmal unter einer von Blattläusen besiedelten Linde geparkt hat und anschließend klebrige Rückstände auf dem Auto entdeckte, ist mit Honigtau in Berührung gekommen. Auch Imker kennen diese süße Substanz sehr gut, denn sie bildet die Grundlage für einige der wertvollsten Honigsorten überhaupt.
Im Gegensatz zu Blütennektar wird Honigtau nicht direkt von Pflanzen produziert. Stattdessen entsteht er als Ausscheidungsprodukt bestimmter Pflanzensaft saugender Insekten. Trotz dieser ungewöhnlichen Herkunft besitzt Honigtau eine enorme ökologische Bedeutung. Er dient zahlreichen Insektenarten als Nahrungsquelle, beeinflusst das Zusammenleben verschiedener Organismen und spielt sogar für die Honigproduktion eine wichtige Rolle.
In natürlichen Wäldern, Parks, Gärten und landwirtschaftlichen Flächen ist Honigtau ein wichtiger Bestandteil komplexer Nahrungsketten. Besonders in den Sommermonaten kann er in großen Mengen auftreten und ganze Baumkronen mit einem glänzenden, süßen Film überziehen.
Dieser Artikel beleuchtet ausführlich die Entstehung von Honigtau, seine ökologischen Zusammenhänge, die beteiligten Tierarten, seine Bedeutung für Bienen und andere Insekten sowie häufige Fragen rund um dieses bemerkenswerte Naturprodukt.
Was ist Honigtau?
Honigtau ist eine zuckerhaltige Flüssigkeit, die von verschiedenen Pflanzensaft saugenden Insekten ausgeschieden wird. Zu den wichtigsten Produzenten gehören Blattläuse, Pflanzenläuse, Schildläuse und Zikaden.
Die Insekten ernähren sich vom Saft ihrer Wirtspflanzen. Dieser Pflanzensaft enthält große Mengen Zucker, aber vergleichsweise wenig Eiweiß. Um ausreichend Nährstoffe aufzunehmen, müssen die Tiere enorme Mengen Saft aufnehmen. Den überschüssigen Zucker scheiden sie anschließend wieder aus. Genau diese Ausscheidungen werden als Honigtau bezeichnet.
Frischer Honigtau erscheint als klare bis leicht gelbliche Flüssigkeit. Er besitzt eine klebrige Konsistenz und einen hohen Zuckergehalt. Je nach Herkunftspflanze und beteiligter Insektenart können Zusammensetzung, Geschmack und Farbe deutlich variieren.
Die Entstehung von Honigtau
Pflanzensaft als Grundlage
Die Grundlage für Honigtau bildet der sogenannte Phloemsaft der Pflanzen. Das Phloem ist ein spezielles Leitgewebe, das Nährstoffe innerhalb der Pflanze transportiert.
Dieser Saft enthält vor allem:
- Saccharose
- Glucose
- Fructose
- Aminosäuren
- Mineralstoffe
- organische Verbindungen
Für die Insekten stellt insbesondere der Stickstoffanteil eine wertvolle Ressource dar. Da dieser jedoch nur in geringen Mengen vorhanden ist, müssen große Mengen Pflanzensaft aufgenommen werden.
Aufnahme durch saugende Insekten
Mit speziellen Stechrüsseln durchbohren Blattläuse und andere Pflanzensaftsauger die Leitbahnen ihrer Wirtspflanzen. Anschließend saugen sie kontinuierlich Pflanzensaft auf.
Der größte Teil des aufgenommenen Zuckers kann vom Insekt nicht verwertet werden. Daher wird er als Honigtau ausgeschieden.
Bei starkem Befall können Millionen kleiner Honigtautropfen täglich von einer einzigen Baumkrone herabfallen.
Die wichtigsten Honigtau-Produzenten
Blattläuse
Die Blattläuse der Überfamilie Aphidoidea gehören zu den bekanntesten Honigtau-Produzenten.
Typische Vertreter sind:
- Grüne Pfirsichblattlaus, Myzus persicae
- Schwarze Bohnenlaus, Aphis fabae
- Große Rosenblattlaus, Macrosiphum rosae
Blattläuse treten oft massenhaft auf und können enorme Mengen Honigtau erzeugen.
Schildläuse
Die Schildläuse der Überfamilie Coccoidea produzieren ebenfalls große Mengen Honigtau.
Viele Arten leben fest an Zweigen, Ästen oder Nadeln und saugen dauerhaft Pflanzensaft.
Rindenläuse
Rindenläuse der Familie Lachnidae spielen insbesondere für Waldhonige eine bedeutende Rolle.
Zu den bekannten Arten zählen:
- Große Fichtenrindenlaus, Cinara piceae
- Tannenrindenlaus, Cinara confinis
Diese Arten besiedeln vor allem Nadelbäume und liefern die Grundlage für zahlreiche Honigtauhonige.
Zikaden
Auch verschiedene Zikadenarten produzieren Honigtau. In warmen Sommern können sie regional erhebliche Mengen erzeugen.
Welche Pflanzen sind betroffen?
Honigtau kann auf zahlreichen Pflanzenarten entstehen.
Besonders häufig betroffen sind:
Linde
Die Winterlinde, Tilia cordata, und die Sommerlinde, Tilia platyphyllos, gehören zu den bekanntesten Honigtau-Lieferanten.
Während warmer Sommermonate werden ihre Kronen oft von Blattläusen besiedelt.
Ahorn
Mehrere Ahornarten der Gattung Acer bieten Blattläusen optimale Lebensbedingungen.
Eiche
Die Stieleiche, Quercus robur, und die Traubeneiche, Quercus petraea, beherbergen zahlreiche saugende Insektenarten.
Fichte
Die Gemeine Fichte, Picea abies, ist eine wichtige Grundlage für Waldhonig.
Tanne
Die Weißtanne, Abies alba, zählt zu den bedeutendsten Honigtau-Lieferanten in mitteleuropäischen Wäldern.
Kiefer
Auch verschiedene Kiefernarten der Gattung Pinus können von Honigtau produzierenden Läusen besiedelt werden.
Honigtau und Ameisen
Eine der interessantesten Beziehungen im Tierreich besteht zwischen Ameisen und Honigtau produzierenden Insekten.
Viele Ameisenarten nutzen Honigtau als Hauptnahrungsquelle. Sie besuchen regelmäßig Blattlauskolonien und sammeln die süßen Tropfen ein.
Dabei entsteht eine wechselseitige Beziehung:
Die Ameisen erhalten energiereiche Nahrung, während sie die Blattläuse vor Fressfeinden schützen.
Häufig verteidigen Ameisen ihre „Honigtauherden“ aggressiv gegen:
- Marienkäfer
- Florfliegen
- Schwebfliegenlarven
- Schlupfwespen
Diese Form der Zusammenarbeit wird als Mutualismus bezeichnet und zählt zu den bekanntesten Beispielen biologischer Kooperation.
Bedeutung für Bienen
Für Honigbienen ist Honigtau eine wichtige alternative Nahrungsquelle.
Wenn Blütennektar knapp wird oder bestimmte Läusepopulationen besonders stark auftreten, sammeln Bienen Honigtau direkt von Blättern, Nadeln oder Zweigen.
Dabei entsteht eine spezielle Honigsorte:
Waldhonig
Waldhonig stammt überwiegend aus Honigtau von Nadelbäumen.
Er zeichnet sich aus durch:
- dunkle Farbe
- kräftiges Aroma
- hohen Mineralstoffgehalt
- geringeren Fruchtzuckeranteil
Tannenhonig
Tannenhonig gilt als besonders hochwertig.
Er entsteht überwiegend aus Honigtau von Läusen an Weißtannen.
Typisch sind:
- tiefdunkle Farbe
- würziger Geschmack
- langsame Kristallisation
Fichtenhonig
Auch Fichtenhonig wird aus Honigtau erzeugt.
Sein Geschmack ist meist kräftig, harzig und aromatisch.
Chemische Zusammensetzung von Honigtau
Honigtau besteht hauptsächlich aus Wasser und verschiedenen Zuckerarten.
Dazu gehören:
- Saccharose
- Fructose
- Glucose
- Melezitose
- Raffinose
Zusätzlich können enthalten sein:
- Aminosäuren
- Mineralstoffe
- organische Säuren
- Spurenelemente
- pflanzliche Inhaltsstoffe
Die genaue Zusammensetzung hängt von zahlreichen Faktoren ab:
- Pflanzenart
- Läuseart
- Wetterbedingungen
- Jahreszeit
- Standort
Warum ist Honigtau klebrig?
Die hohe Klebrigkeit resultiert aus dem hohen Zuckergehalt.
Nach der Ausscheidung verdunstet Wasser relativ schnell. Dadurch konzentrieren sich die Zuckerbestandteile zunehmend.
Auf Autos, Gartenmöbeln oder Gehwegen entsteht dann ein klebriger Film.
Dieser kann Staub, Pollen und Schmutzpartikel binden und dadurch dunkel erscheinen.
Rußtaupilze auf Honigtau
Honigtau dient verschiedenen Pilzen als Nährboden.
Besonders bekannt sind die sogenannten Rußtaupilze.
Diese Pilze wachsen auf den zuckerhaltigen Ablagerungen und bilden dunkle Beläge auf:
- Blättern
- Nadeln
- Zweigen
- Früchten
Die betroffenen Pflanzen wirken oft schwarz oder verrußt.
Meist dringen die Pilze nicht in das Pflanzengewebe ein. Dennoch können starke Beläge die Photosynthese beeinträchtigen.
Ökologische Bedeutung von Honigtau
Honigtau spielt in vielen Lebensräumen eine zentrale Rolle.
Er dient zahlreichen Tierarten als Energiequelle.
Zu den Nutzern gehören:
- Honigbienen
- Wildbienen
- Wespen
- Hummeln
- Ameisen
- Schmetterlinge
- Käfer
- Fliegen
Insbesondere während Trockenperioden oder bei geringem Blütenangebot kann Honigtau für viele Insekten überlebenswichtig sein.
Dadurch beeinflusst er ganze Nahrungsnetze und trägt zur Stabilität von Ökosystemen bei.
Honigtau im Wald
Wälder gehören zu den wichtigsten Honigtau-Lebensräumen Europas.
Insbesondere Nadelwälder bieten ideale Bedingungen für zahlreiche Rindenlausarten.
In Jahren mit günstiger Witterung können enorme Honigtaumengen entstehen.
Für Imker sind solche Jahre besonders interessant, da sie hohe Erträge an Waldhonig ermöglichen.
Allerdings unterliegt die Honigtauproduktion starken natürlichen Schwankungen.
Späte Fröste, Starkregen oder extreme Hitze können die Populationen der Läuse erheblich reduzieren.
Einfluss des Wetters
Das Wetter beeinflusst die Honigtaubildung entscheidend.
Förderlich wirken:
- warme Temperaturen
- mäßige Luftfeuchtigkeit
- stabile Wetterlagen
Ungünstig sind:
- langanhaltender Regen
- starke Stürme
- extreme Trockenheit
- Spätfröste
Regen kann vorhandenen Honigtau von den Pflanzen abwaschen und gleichzeitig die Läusepopulationen dezimieren.
Honigtau im Garten
Auch in privaten Gärten tritt Honigtau häufig auf.
Besonders betroffen sind:
- Rosen
- Obstbäume
- Ahornbäume
- Linden
- Ziergehölze
Kleine Mengen sind meist unproblematisch.
Bei starkem Befall können jedoch klebrige Ablagerungen entstehen, die Gartenmöbel, Terrassen oder Fahrzeuge verschmutzen.
Oft fallen zuerst Ameisen oder glänzende Blattoberflächen auf. Diese Hinweise deuten häufig auf Blattlauskolonien und damit auf Honigtau hin.
Natürliche Gegenspieler der Honigtau-Produzenten
Viele Tiere ernähren sich von Blattläusen und anderen Pflanzensaftsaugern.
Zu den wichtigsten Nützlingen zählen:
Siebenpunkt-Marienkäfer
Der Siebenpunkt-Marienkäfer, Coccinella septempunctata, frisst sowohl als Larve als auch als erwachsenes Tier große Mengen Blattläuse.
Florfliegen
Die Gemeine Florfliege, Chrysoperla carnea, besitzt räuberische Larven, die Blattläuse effektiv dezimieren.
Schwebfliegen
Zahlreiche Schwebfliegenarten legen ihre Eier in Blattlauskolonien ab.
Die Larven ernähren sich anschließend von den Läusen.
Schlupfwespen
Viele Schlupfwespenarten parasitieren Blattläuse und tragen so zur natürlichen Regulierung bei.
Honigtau und Biodiversität
Die Existenz von Honigtau fördert die biologische Vielfalt.
Durch die Bereitstellung zusätzlicher Energiequellen profitieren zahlreiche Organismen.
Dies gilt insbesondere für:
- Insekten
- Spinnen
- Vögel
- Mikroorganismen
Selbst kleinste Veränderungen der Honigtauproduktion können Auswirkungen auf lokale Lebensgemeinschaften haben.
Historische Bedeutung
Bereits in der Antike wurde Honigtau beschrieben.
Frühe Naturforscher beobachteten die süßen Tropfen auf Pflanzen und vermuteten zunächst einen direkten pflanzlichen Ursprung.
Erst deutlich später erkannte man den Zusammenhang mit Blattläusen und anderen Pflanzensaft saugenden Insekten.
Heute gehört Honigtau zu den am besten erforschten Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Insekten.
Unterschiede zwischen Honigtau und Nektar
Obwohl beide Stoffe süß sind, unterscheiden sie sich deutlich.
Nektar wird aktiv von Pflanzen produziert, um Bestäuber anzulocken.
Honigtau entsteht dagegen indirekt durch die Tätigkeit saugender Insekten.
Nektar stammt aus speziellen Drüsen der Pflanzen.
Honigtau ist ein Ausscheidungsprodukt tierischen Ursprungs.
Auch die chemische Zusammensetzung weist deutliche Unterschiede auf.
Häufig gestellte Fragen zu Honigtau
Was ist Honigtau genau?
Honigtau ist eine zuckerhaltige Flüssigkeit, die von Blattläusen, Schildläusen, Rindenläusen und anderen Pflanzensaft saugenden Insekten ausgeschieden wird.
Ist Honigtau schädlich für Pflanzen?
Kleine Mengen sind meist unproblematisch. Bei starkem Lausbefall können Pflanzen jedoch geschwächt werden. Zusätzlich können sich Rußtaupilze auf den Honigtauablagerungen entwickeln.
Können Menschen Honigtau essen?
Direkt von Pflanzen gesammelter Honigtau wird normalerweise nicht verzehrt. In Form von Waldhonig oder Tannenhonig gelangt er jedoch als hochwertiges Naturprodukt auf den Speiseplan.
Warum sind Autos unter Linden oft klebrig?
Linden werden häufig von Blattläusen besiedelt. Die Tiere scheiden große Mengen Honigtau aus, der auf darunter abgestellte Fahrzeuge tropft.
Welche Tiere nutzen Honigtau als Nahrung?
Honigtau dient unter anderem Bienen, Hummeln, Ameisen, Wespen, Schmetterlingen, Käfern und verschiedenen Fliegenarten als Energiequelle.
Wie entsteht Waldhonig?
Waldhonig entsteht, wenn Honigbienen Honigtau von Läusen auf Nadel- oder Laubbäumen sammeln und daraus Honig erzeugen.
Warum treten Ameisen oft zusammen mit Blattläusen auf?
Ameisen ernähren sich vom Honigtau der Blattläuse. Dafür schützen sie die Läuse häufig vor natürlichen Feinden.
Welche Bäume produzieren besonders viel Honigtau?
Linden, Ahornarten, Eichen, Fichten, Tannen und Kiefern gehören zu den wichtigsten Honigtau-Lieferanten.
Was sind Rußtaupilze?
Rußtaupilze sind Pilze, die auf Honigtau wachsen und schwarze Beläge auf Blättern und Zweigen bilden.
Wann tritt Honigtau besonders häufig auf?
Die größten Mengen entstehen meist während warmer und trockener Sommerperioden mit hohen Blattlausbeständen.
Fazit
Honigtau ist weit mehr als nur eine klebrige Substanz auf Blättern oder Autos. Er stellt einen wichtigen Bestandteil natürlicher Ökosysteme dar und verbindet Pflanzen, Insekten, Pilze und zahlreiche weitere Organismen miteinander. Seine Entstehung durch Blattläuse, Schildläuse, Rindenläuse und Zikaden zeigt eindrucksvoll, wie komplex die Wechselwirkungen in der Natur sein können.
Für Ameisen bildet Honigtau eine bedeutende Nahrungsquelle, für Bienen die Grundlage wertvoller Wald- und Tannenhonige. Gleichzeitig beeinflusst er die Artenvielfalt ganzer Lebensräume und trägt zur Stabilität ökologischer Netzwerke bei. Obwohl Honigtau im Alltag häufig als lästige Verschmutzung wahrgenommen wird, offenbart ein genauer Blick seine enorme Bedeutung für das Funktionieren natürlicher Ökosysteme.
Wer Honigtau versteht, gewinnt einen faszinierenden Einblick in die oft verborgenen Beziehungen zwischen Pflanzen, Insekten und ihrer Umwelt. Gerade diese komplexen Zusammenhänge machen ihn zu einem bemerkenswerten und ökologisch wertvollen Phänomen der Natur.








